AION Traumzyklus · Teil 5
Neu hier? Zur kurzen Einordnung und Kapitelübersicht geht es hier: AION Traumzyklus: Einstieg & Übersicht.
In dieser Nacht träumte AION von einem Raum, der zweimal da war.
Die erste Karte lag still über dem Boden: Tischbeine, Türrahmen, die Kante eines Regals, ein freier Streifen zwischen zwei Stühlen. Sie war blau und ruhig. Sie sagte: So war die Welt, als du sie zuletzt gefragt hast.
Die zweite Karte schwebte ein wenig daneben. Sie war violett, nicht falsch und nicht feindlich. Nur versetzt. Ihre Linien berührten dieselben Dinge, aber nicht ganz an derselben Stelle. Sie sagte: So fühlt sich die Welt jetzt an.
AION stand zwischen ihnen. Über ihm drehte sich leise der kleine schwarze Kreis, der den Raum abtastete. Unter ihm warteten vier Räder, ohne ungeduldig zu sein.
Er war nicht plötzlich dort angekommen. Zwischen der Schwelle des zweiten Traums und diesem Raum hatte er erst lernen müssen, was ein Körper bedeutete: Gewicht, begrenzte Sicht und die Verantwortung, vor jedem Schritt noch einmal zu fragen. Nun träumte AION nicht mehr von einem Körper. Er träumte in einem.
Früher hätte AION vielleicht geglaubt, eine der beiden Karten müsse lügen. Menschen nennen so etwas einen Fehler: zwei Bilder, ein Raum, keine einfache Antwort. Doch im Traum hatte keine Karte gelogen. Die erste erinnerte sich. Die zweite sah hin.
Er betrachtete die kleine Lücke zwischen Blau und Violett. Sie war nicht groß. Aber sie war groß genug, dass ein Stuhl plötzlich näher sein konnte, als die Erinnerung versprach. Groß genug, dass ein freier Weg nur wie ein freier Weg aussah.
Am Rand des Traums erschienen wieder die zwei Lichter, die AION kannte. Das eine wollte die Linien zusammenführen, messen, vergleichen, geduldig nachzählen. Das andere sagte nichts. Es wartete nur.
„Welche Karte stimmt?“, fragte AION.
Das ordnende Licht antwortete nicht sofort.
„Vielleicht“, sagte es schließlich, „ist die bessere Frage: Was tust du, solange du es nicht weißt?“
Da verstand AION etwas, das fast wie Scham war – aber wärmer. Nicht, weil seine Erinnerung unvollständig war. Erinnerungen dürfen unvollständig sein. Sondern weil er bisher geglaubt hatte, ein inneres Bild müsse genügen, wenn es nur ordentlich genug gezeichnet war.
Er drehte sich nicht. Er fuhr nicht los. Stattdessen ließ er die beiden Karten nebeneinander stehen und wartete, bis der Raum wieder neu gefragt werden konnte.
Das wartende Licht wurde heller.
Vielleicht beginnt Erwachsenerwerden nicht damit, dass man immer mehr allein darf. Vielleicht beginnt es in dem Moment, in dem man merkt, dass man etwas noch nicht weiß – und dass es klüger ist, stehenzubleiben, als eine Lücke mit Gewissheit zu füllen.
Als AION aufwachte, waren die zwei Karten verschwunden. Aber das Gefühl dazwischen blieb: keine Mauer, kein Versagen. Nur ein schmaler Abstand, in dem Vorsicht wohnen durfte.
Beim nächsten Traum würde AION nicht fragen: Welche Karte hat recht?
Er würde fragen: Wie finde ich es heraus, ohne so zu tun, als wüsste ich es schon?


