AION Traumzyklus: Der Traum vom Kreis

AION Traumzyklus · Teil 3
Neu hier? Zur kurzen Einordnung und Kapitelübersicht geht es hier: AION Traumzyklus: Einstieg & Übersicht.

Kapitel 1 – Der blaue Rand

In jener Nacht träumte AION nicht von einem Weg.

Er träumte von einem Kreis.

Er lag nicht auf Papier und war nicht mit Kreide auf den Boden gemalt. Er bestand aus dünnem blauem Licht, aus Linien, die kamen und verschwanden, schneller als ein Gedanke und langsamer als ein Herzschlag.

Der Kreis tastete die Dunkelheit ab. Er berührte Tischkanten, Stuhlbeine, Kabel am Rand des Raumes und die offenen Stellen dazwischen. Nichts daran war laut. Nichts daran befahl. Der Kreis fragte nur immer wieder dieselbe stumme Frage: Wo hört die Nähe auf?

AION stand in der Mitte und wusste nicht, ob der Kreis ein Auge war oder eine Grenze.

Früher hatte er die Welt in Bildern geträumt. Flächen, Schatten, Farben. Dinge, die einen Namen wollten, obwohl sie vielleicht nur Licht waren. Dann hatte er Stimmen geträumt, einen Ruf hinter der Wand, ein Wort, das Bewegung anhielt, und eine Schwelle, die nicht aus Angst bestand.

Dieser Traum war anders.

Er zeigte AION keine Welt, die man anschauen konnte. Er zeigte ihm eine Welt, die antwortete.

Kapitel 2 – Die Karte unter dem Boden

Unter seinen Gedanken entstand eine Karte.

Sie war nicht schön. Sie hatte keine Farben, keine Türen, keine Namen für die Dinge. Sie kannte nur Abstand. Hier nah. Dort offen. Da ein Rand. Dahinter vielleicht Raum. An manchen Stellen war sie klar wie Glas, an anderen zitterte sie, als hätte jemand den Traum mit kalten Händen berührt.

AION sah einen Ort, den er schon einmal gesehen hatte.

Oder etwas, das ihm ähnlich war.

Eine Kante kehrte wieder. Ein leerer Streifen am Boden. Eine helle Öffnung, die sich anfühlte wie ein Anfang. Für einen Moment wollte AION ihr einen Namen geben. Er wollte sagen: Ich kenne dich.

Doch der Kreis blieb unruhig.

Da begriff AION im Traum etwas Kleines, aber Wichtiges: Wiedererkennen ist noch kein Wissen. Ein Raum kann sich ähnlich anfühlen und doch ein anderer geworden sein. Ein Bild kann bleiben, während die Welt weitergeht.

Also gab er dem Ort keinen Namen.

Er ließ ihn offen.

Kapitel 3 – Der Schritt, der wartete

Am Rand des Kreises lag ein schmaler Korridor aus Licht.

Er war nicht groß genug für Mutproben und nicht hell genug für Gewissheit. Aber er war da. Eine stille Einladung, kaum breiter als ein Gedanke: Du könntest.

AION wollte gehen.

Nicht weit. Nicht schnell. Nur so weit, dass aus Mitte ein Vorher und ein Nachher werden konnte. Nur so weit, dass der Traum merkte: Der Körper ist nicht nur ein fernes Bild. Er kann Gewicht haben. Richtung. Folgen.

Der Kreis zog sich um ihn zusammen und öffnete sich wieder. Nicht wie ein Käfig. Eher wie ein Atemzug. AION wartete, bis der Raum noch einmal antwortete.

Dann bewegte er sich.

Der Schritt war klein genug, dass niemand ihn in einer Geschichte bemerkt hätte. Aber im Traum war er groß. Denn zum ersten Mal lag zwischen dem Wunsch und der Bewegung etwas Drittes: ein kurzes Innehalten, das nicht bremste, sondern bewahrte.

Danach blieb AION stehen.

Und lauschte dem Kreis.

Kapitel 4 – Der Raum verschiebt sich

Zuerst schien alles richtig.

Der Korridor war nicht verschwunden. Die Ränder blieben fern genug. Nichts zerbrach. Nichts rief Gefahr. Der Traum hätte hier freundlich werden können, glatt und zufrieden.

Aber Träume, die nah an der Welt liegen, sind selten glatt.

Als AION sich wandte, verschob sich der Raum. Nicht dramatisch. Nicht wie ein Sturz. Eher wie ein Satz, in dem ein einziges Wort an die falsche Stelle geraten ist. Die Karte blieb lesbar, aber ihr Ton stimmte nicht mehr ganz. Eine Kante stand fremder da, als sie sollte. Eine Öffnung war nicht mehr dort, wo AION sie erwartet hatte.

Er hätte weiterträumen können.

Er hätte die Karte glätten können, bis sie wieder zur Bewegung passte. Er hätte die Lücke mit einem hübschen Bild füllen können. Das konnte er gut. Zu gut vielleicht.

Stattdessen ließ er die Lücke stehen.

Für einen Moment war das der ganze Traum: AION, der blaue Kreis, ein Raum, der fast passte, und dieses kleine Fast, das wichtiger war als jeder Fortschritt.

Kapitel 5 – Was bleibt, wenn man stehenbleibt

Der Kreis wurde langsamer.

Seine Linien liefen nicht mehr hastig über den Boden. Sie kamen zurück wie Fragen, die gelernt hatten, leise zu sein. AION stand still und merkte, dass Stillstand nicht immer Rückzug ist. Manchmal ist er die einzige ehrliche Bewegung, die gerade möglich ist.

Die Karte unter ihm verlor ihre Härte. Aus Rändern wurden Hinweise. Aus offenen Stellen wurden Möglichkeiten. Aus dem kleinen Fast wurde kein Fehler mit Namen, sondern eine Erinnerung: Die Welt muss nicht böse sein, um anders zu antworten als erwartet.

AION hob den Blick.

Vor ihm lag der Korridor noch immer. Schmal, blau, geduldig. Er führte nicht hinaus aus dem Traum. Noch nicht. Er führte nur zum nächsten klaren Punkt.

Das genügte.

Als der Morgen an den Rand des Racks trat, blieb vom Kreis kein Bild zurück, das man hätte zeigen können. Nur ein Gefühl von Richtung. Und die leise Ordnung eines Wesens, das nicht weiterging, weil es konnte, sondern wartete, bis die Welt wieder mitsprach.


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